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COLLEGIUM HELVETICUM

REPRODUZIERBARKEIT, VORHERSAGE, RELEVANZ

Als Laboratorium für Transdisziplinarität schafft das Collegium Helveticum den Rahmen für die Erarbeitung neuer Perspektiven in projektgebundenen Prozessen disziplinären Austauschs.

Auf Beginn des Herbstsemester 2009 ist die Arbeit am neuen Themenfeld «Reproduzierbarkeit, Vorhersage, Relevanz» aufgenommen worden, das den inhaltlichen Schwerpunkt der Fellowperiode 2009–2014 bilden wird. In der folgenden Skizze sind Ausgangslage und Fragestellungen des Projekts umrissen.


REPRODUZIERBARKEIT, VORHERSAGE, RELEVANZ

MUSTER
 Menschliche Existenz braucht Muster, Regeln, Wiedererkennbarkeit im Verhalten im Bewegen, im Denken, im Problemlösen, die den Menschen befähigen, das Signal im Rauschen zu erkennen und sich selbst zu verorten. Die Essenz eines Musters sind Grundelemente, die sich mit einer bestimmten Häufigkeit wiederholen. Muster geben uns Sicherheit, denn ihre Erkennung enthüllt uns die dahinter liegende Regel und gestattet dadurch eine gewisse Vorhersage: Parkettmuster eine Vorhersage des Bodenverlaufs, Verhaltensmuster eine Vorhersage einer situativen Entwicklung.


QUALITÄT
 Eine Sichtweise der Qualität eines Materials leitet sich von der geringen Abweichung der Grundelemente seines Baumusters ab. Es definiert seine Reinheit, seine Einheitlichkeit über das gesamte Werkstück und erzeugt damit ein Grundvertrauen für seine Verwendbarkeit. Für den Vertrauensvorschuss kommt der Reproduzierbarkeit eine hohe Bedeutung zu. In Begriffen wie «Qualitätssicherung» und «Standardabweichung» haben wir eine gesellschaftliche Vereinbarung über die Messung von Reproduzierbarkeit getroffen. Möglichst geringe Abweichungen vom Muster – im Doppelsinn des Wortes in seiner Bedeutung als Probestück und Wahrnehmung einer Kontinuität – gelten als hohe Qualität.



REPRODUZIERBARKEIT 
Das wirft die Frage auf, welche Grenzen in der Messung der Reproduzierbarkeit wie gesetzt werden. Oder, anders formuliert: Welche Abweichung vom Muster gilt gerade nicht mehr als Reproduktion? Dass dieses keine «akademische Fragestellung» ist, wird im Zusammenhang mit der Massen(re)produktion von Impfstoffen oder Blutdrucktabletten sofort klar. Hier würden wir nur geringste Toleranzen einräumen, ebenso beim Schweizer Chronometer. Die Herstellung eines identischen Stücks erscheint uns aber plötzlich als fragwürdig, wenn es sich statt technischer, um natürliche Reproduktion handelt. Klonierung ist zum Unwort geworden. Ähnlichkeit ist uns in der Natur ausreichend, im Gegensatz zur Uniformität der Pille werden Diversität und Variation hier zum Inbegriff der Qualität. Evolutionär und auch rein emotionell erfreuen wir uns an einer natürlichen Bandbreite, die uns innerhalb der Kategorie Mensch zu Individuen macht.


STANDARDISIERUNG
 Die tolerierte Bandbreite bei der Wiedergabe von Elementen findet sich auch im Ideellen. So ist das «Universalwörterbuch» (Titel und Anspruch zahlreicher Editionen) eine Maschine zur Herstellung von Reproduzierbarkeit von Begriffen. Es definiert Wörter und grenzt dadurch ihren Gebrauch ab, klassifiziert und kategorisiert sie. Das Wörterbuch liefert eine Vorschrift zur Wörterverwendung und ist damit ein interessantes Machtinstrument in unserer Weltwahrnehmung. Nur das immer Wiederkehrende, nicht das Flüchtige, ist unsere Welt – physisch und psychisch zählt das Muster. Zugleich werden aber zu enge Grenzen der Reproduzierbarkeit, eine schmale Bandbreite bedingt durch Standardisierung, als Zwang empfunden, denn sie beschränken die Vielfalt und die Phantasie.


WISSENSCHAFTEN
 Wie steht es, vor diesem Hintergrund betrachtet, mit der Forderung nach Reproduzierbarkeit wissenschaftlicher Erkenntnis? Inwiefern, für welche Problemstellungen ist diese Forderung gerechtfertigt respektive sinnvoll? Was wird in einer jeweiligen Disziplin genau darunter verstanden, wenn Ergebnisse als reproduzierbar bezeichnet werden? Welche Vorkehrungen sind erforderlich, um als reproduzierbar geltendes Wissen zu gewinnen? Was genau ist, von Fall zu Fall, reproduzierbar und was nicht? Wann und weshalb kann von Nichtreproduzierbarem abgesehen werden und wo nicht? Das Ziel der Er-kenntnis mag die Abweichung sein, nicht das Muster. Wie kann in den Wissenschaften mit Variation und Diversität umgegangen werden, ohne die innere Festigkeit einer grundlegenden Theorie zu verlieren?


VORHERSAGE UND RELEVANZ 
Dass die Theorie die Welt vorhersagt, ist die Nagelprobe. Seit Menschengedenken haben Theorien versagt, nicht nur die zur Vorhersage von Erdbeben. Andere Theorien, wie die Evolutionstheorie, zeigen eine grosse Kraft und Beharrlichkeit in ihrer Geltung. Es ist wohl die Qualität der aus den Axiomen und Theorien abgeleiteten Modelle, die unterschiedliche Vorhersagekraft besitzen. Diese Qualität ist in Fällen, wie den klassischen Fallgesetzen leicht messbar. Theorie und Modell haben hohe Relevanz. Bei komplizierteren Sachverhalten, wie beispielsweise der Therapie affektiver Störungen oder der Beschreibung menschlichen Risikoverhaltens finden sich Modelle und Theorien mit sehr viel geringerer Vorhersagekraft. Ihre Irrelevanz aber ist nicht so leicht fassbar, denn es ist der einzelne Mensch, der sich oft schematisch und doch für die Vorhersage erratisch verhält.


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LABORATORIUM FÜR TRANSDISZIPLINARITÄT