Die christliche Wahrheit unter den pluralistischen Bedingungen der Postmoderne – Offenbarung im Spannungsfeld von Tradition und Dekonstruktion

Das Subjekt der Gegenwart findet sich in einem plural geprägten Horizont vor, in dem die Zahl der Wahlmöglichkeiten und Deutungsangebote für die Wirklichkeit so hoch ist wie nie. Zum anderen wächst im selben Masse das Verlangen nach Sicherheit und der einen Perspektive, die gerade nicht mehr in einem ständigen komparativen Prozess erneut in Frage gestellt werden kann. Es lässt sich ein Orientierungsproblem des Menschen der Gegenwart feststellen, das in guter Nietzscheanischer Tradition darin gründet, dass alle Letztbegründungen letztlich zu scheitern scheinen.  Es scheint sich schlicht kein einheitliches Paradigma für den einen Sinn der Welt finden zu lassen.

In Folge dieser Frustration richtet der Mensch sich auf sich selbst als letzte Autorität, was insbesondere in der Moderne unter dem Begriff der Autonomie verhandelt wurde. Doch auch dies führte zu keinem befriedigenden Ergebnis. Sowohl religiöse als auch säkulare Weltbilder werden ihrem universalen Anspruch in einer globalisierten Welt nicht mehr gerecht.

Vor diesem Hintergrund lässt sich nun das Phänomen eines wissenschaftlich fundierten Wiedererstarkens des philosophischen Interesses an (christlicher) Offenbarungstheologie für die Problematik der Kommunizierbarkeit von Wahrheit in einer multioptional geprägten Gesellschaft beobachten. Im Zentrum des Projekts steht so das Bestreben, entgegen einer gegenwärtigen apologetischen Tendenz von Theologie und Kirche neue Möglichkeiten zu eruieren, wie von Wahrheit jenseits der gegenwärtig drohenden Pole von Relativismus bzw. Fundamentalismus gesprochen werden kann.

Die drei hierfür ausgewählten Autoren – Gianni Vattimo, John D. Caputo sowie Jean-Luc Nancy – sind profilierte Vertreter einer Religionsphilosophie, welche sich von einem nicht-religiösen, metaphysikkritischen Standpunkt aus dezidiert dem Christentum zuwendet. Diesbezüglich sollen deren Ansätze eines sogenannten «pensiero debole» (Vattimo) bzw. einer «weak theology» (Caputo) bzw. einer «déclosion» (Nancy) hinsichtlich ihres Ertrags für den christlichen Offenbarungsbegriff eruiert werden. Aufbauend auf der Philosophie Heideggers sowie Derridas steht bei allen drei Ansätzen dabei keineswegs ein destruktives Moment im Zentrum, vielmehr wird christliche Wahrheit im Kern selbst als dekonstruktiv charakterisiert, als ein Wahrheitsereignis, welches – übereinstimmend mit dem paulinischen Zeugnis – alle bisherigen Massstäbe ausser Kraft setzt.

Mit der Auswahl explizit nicht-religiöser philosophischer Analysen des theologischen Topos der Offenbarung soll der zunehmenden Pluralisierung der Deutungshorizonte unserer Gesellschaft Rechnung getragen werden und die interreligiöse Engführung theologischer Forschung auf diesem Gebiet für die Kommunikation in einem pluralen, grundlegend säkular geprägten Spannungsfeld geöffnet werden. Es soll geprüft werden, inwiefern diese Ansätze, welche nach einer Wahrheit jenseits der in der Religion zeitlich kontingent gefassten Wahrheit einer «göttlichen» Offenbarung fragen, mit dem christlichen Offenbarungsbegriff kompatibel sind und für eine neue Form des Dialogs fruchtbar gemacht werden können.

Veröffentlichungen

F. Rass, Against the Capitalization of Religion and Secularism. On G.Vattimos Philosophy of Religion, in: Claremont Journal of Religion 3 (1/2014), 168-172

F.Rass, The Temporality of Hope and its Existential Implications–A Response to Arne Grøn, in: Dalferth, Ingolf U. (Hg.), Hope. Claremont Studies in Philosophy of Religion, Tübingen 2015 [im Druck]

F.Rass, «Im Namen Gottes…» – Zum Beziehungsdreieck von Offenbarungsreligion, Demokratie und Fundamentalismus, in: Themenheft Demokratie – FAMA 3/2015 [im Druck]

Vorträge

«Säkularisierung» und das Christentum. Eine theologische Analyse der Metaphysikkritk Gianni Vattimos; Tagung Religionsphilosophie heute: Metaphysik und Metaphysikkritik am Inter University Center Dubrovnik, 26. Juni 2013

Die christliche Wahrheit unter den pluralistischen Bedingungen der Postmoderne -  Offenbarung zwischen Tradition und Dekonstruktion; Forschungstag des Collegium Helveticum, Zürich, 8.Mai 2014

«Religious Truth»? Zur Verortung von Religion abseits metaphysischer Systeme, Tagung Religionsphilosophie heute: Religion und Gesellschaft am Inter University Center Dubrovnik, 6. Juni 2014

Revelation under Deconstruction - An Investigation on the Significance of Christianity in post-confessional Approaches to Religion, Conference of the European Society of Philosophy of Religion, Münster, 29.8.2014

Macht – Gott – Sinn? Die Suche nach Wahrheit im Horizont fragmentarischer Existenzialität, Kondensatorium des Collegium Helveticum, Zürich, 2. Dezember 2014

The Eclipse of the Transcendent in Modernity and its Consequences, The Thirty-Sixth Annual Philosophy of Religion Conference, Claremont Graduate University, Self or No-Self?, California, 21. Februar 2015

Team

Ingolf U. Dalferth
Friederike Rass

Aktivitäten

10./11. Juli 2015
Interdisziplinäre Studientagung zu Jean-Luc Nancy
Die «Dekonstruktion des Christentums» als Herausforderung für Theologie, Philosophie und Gesellschaft
Programm
Podcast

LABORATORIUM FÜR TRANSDISZIPLINARITÄT