Reproduzierbarkeit in der Fotografie und der Wert des Unikats

Der 19. August 1839 gilt offiziell als Datum der Erfindung der Fotografie. An der Akademie der Wissenschaft in Paris wurde der Öffentlichkeit die Methode vorgestellt, mit der es Louis Jacques Mandé Daguerre gelang, durch chemische Prozesse die Bilder der Camera obscura festzuhalten. Damit wurden Abbilder der Welt im Kleinformat für jedermann verfügbar – Kunst für jeden Bürgerhaushalt gewissermassen. Diese neue Technik der Reproduzierbarkeit revolutionierte in der Welt der Kunst den Diskurs über die Sichtbarkeit der Welt. Wissenschaftler und Philosophen stritten sich in der Folge über den künstlerischen Wert reproduzierter Bilder. Die einen sahen darin eine dringliche Demokratisierung der Kunst, andere beklagten den Verlust des Unikats.

Das Projekt zur Reproduzierbarkeit in der Fotografie diskutiert die Qualität des fotografischen Abbildes angesichts der heute für jedermann schier grenzenlosen Gestaltungsmöglichkeiten durch die digitale Technologie im Verhältnis zur chemischen Prozessierung des Bildes in der analogen Fotografie. Das chemische Abbild der Natur ist gleichsam verletzlicher, weil seine Prozesse endgültig und nicht in situ manipulierbar sind. Die digitale Fotografie ist zum prototypischen Medium der visuellen Kommunikation geworden, das scheinbar ohne materiellen Träger der bildlichen Botschaft auskommt und nach erfolgter Aufnahme jede beliebige Bearbeitung erlaubt. Tatsächlich aber materialisieren sich auch Grenzen der digitalen Fotografie in der Empfindlichkeit der optischen Sensoren und ihrer Quantisierungsfähigkeit, sowie in den Algorithmen und der Leistungsfähigkeit der Rechner. Normative Begriffe wie Unikat, Original, Repräsentation und Wahrheit greifen in der Beurteilung der digitalen Bildproduktion zwar nur noch bedingt; als künstlerisches Medium scheint die Fotografie in der Folge aber ihre auktoriale Qualität zurück zu gewinnen oder gar neu zu begründen.

Normativ-kritisch sollen im Projekt vergleichend noch einmal die spezifischen Qualitäten der analogen und digitalen Technik fotografischer Reproduktion diskutiert und evaluiert werden. Es geht nicht darum, die eine gegen die andere Technologie auszuspielen, sondern epistemische und innovative Vorzüge der je anderen Bildproduktion zu belegen. Es macht einen erkenntnistheoretischen Unterschied, ob von Abbild oder Bild gesprochen, ob ein Bild nur als Oberfläche oder als materiale Ausdehnung (Substanz) und künstlerische Intention reproduziert und rezipiert wird.

Im ästhetischen und medialen Diskurs hat die Technik der fotografischen Reproduzierbarkeit seit 1839 bis heute eine paradoxe aufklärerische Kraft entfaltet. Walter Benjamin sah dadurch die Aura des Kunstwerks bedroht. In Tat und Wahrheit hat die massenhafte Reproduktion aber eine neue mediale Aura evoziert, die eine genuine kommunikative Relevanz belegt. Im Gegenzug scheint sie damit im dokumentarischen Sinn elementare Aspekte von Autorenschaft zu verlieren, um diese künstlerisch erst recht zu behaupten.

Publikationen

In: Camenisch, Reto: Porträts 1986 bis 2012, Edition Stephan Witschi, Zürich, 2013
Das Augenmass der Melancholie
Meier, Marco

Team

Hans Danuser
Gerd Folkers
Marco Meier
Reinhard Nesper


Aktivitäten

15. November 2012
Workshop «Reproduzierbarkeit in der Fotographie. Spuren der Wüste Gobi oder vom Wert des Unikats» 
Ort: Collegium Helveticum
Programm

14. November 2012
«Einzigartiges Gesicht, reproduziertes Gefühl. Die Fotografie wird im Mittelalter erfunden»
Referat von Prof. Dr. Valentin Groebner (Universität Luzern, Historisches Seminar)
Ort: Collegium Helveticum
Abstract
Podcast

24. Oktober 2012
Fleckolloquium «Reproduktion oder Imagination – Fotografische Repräsentation in den Wissenschaften»
Referierende: Marco Meier, Andreas Pospischil und Ulrike Meyer Stump
Ort: Collegium Helveticum
Abstract

22. Mai 2012
Ausstellungseröffnung «Alles im Kasten» in der Eingangshalle der Semper-Sternwarte
Ort: Collegium Helveticum
Programm

LABORATORIUM FÜR TRANSDISZIPLINARITÄT