Informed Consent – eine Synthese deskriptiver und normativer Aspekte

Die möglichen Eingriffe in die körperliche und psychische Integrität, teilweise gar in die Grundbedingungen der Existenz werden immer intensiver, komplexer, vielschichtiger, weiterreichender. Die Rechtfertigung solcher Handlungen wird in der Idee der Selbstbestimmung des Menschen gesehen. Das Konzept des informed consent steht im Zentrum des Medizinrechts und der Medizinethik. Das Prinzip der Selbstbestimmung besagt, dass eine Handlung, welche die Persönlichkeitsrechte des Menschen tangiert, und dazu gehört jeder medizinische Eingriff, nur dann gerechtfertigt ist, wenn die betroffene Person in diese nach umfassender Aufklärung einwilligt. Zwar besteht in der juristischen Literatur kaum grundsätzliche Kritik am Prinzip des informed consent, dennoch muss mit Blick auf die Breite der möglichen Eingriffe, die nach einer Zustimmung verlangen, der kulturellen, religiösen, sprachlichen, altersbezogenen Pluralität der Bevölkerung und der zunehmenden Komplexität der Massnahmen und der Dichte der dazu vorhandenen Informationen bezweifelt werden, dass das Prinzip in seiner Allgemeinheit seine Funktion wahrzunehmen vermag. Von einer Vorhersagekraft oder einer Reproduzierbarkeit einer standardisierten Aufklärungs- und Entscheidungssituation kann immer weniger ausgegangen werden.

Auf normativer Ebene stellen sich verschiedene Fragen: Wann ist eine Person in der Lage, selbst in eine medizinische Handlung einzuwilligen? Welche Elemente beeinflussen die Entscheidung? Was muss eine rechtsgültige Aufklärung umfassen? Ist die betroffene Person nicht in der Lage, selbst die informierte Zustimmung zu erteilen, nach welchen Kriterien erfolgt die Entscheidung der dazu befugten Person, in der Regel des gesetzlichen Vertreters oder der Angehörigen? Und wann ist eine solche stellvertretende Einwilligung wegen der absolut höchstpersönlichen Natur des Eingriffs gar nicht erst möglich oder zulässig? Allgemein: wann sind Durchbrechungen des Prinzips der Selbstbestimmung gerechtfertigt?

Es besteht die Vermutung, dass es differenzierterer Mechanismen bedürfte, um im Sinne eines partizipativen Verfahrens die Selbstbestimmung und die körperliche Integrität des Patienten und der Patientin zu wahren. Es gibt zahlreiche Empfehlungen, Weisungen und Protokolle darüber, wie und worüber Patientinnen und Patienten im Einzelnen zu informieren sind. Um allerdings die normativen Anforderungen an die Information und an die Zustimmung zu medizinischen Interventionen formulieren zu können, braucht es umfassendes empirisch gesichertes Wissen darüber, ob, wie, wann und warum Menschen die Zustimmung erteilen und was sie brauchen, um selbstbestimmt handeln zu können. Dieses Projekt will die normativen Vorgaben zum informed consent mit Blick auf die Frage überdenken, wie Entscheidungen zustande kommen, welche Bedeutung zum Beispiel Sprache, Hilfsmittel, Zeit, Alter, Ort, Geschlecht, sozialer Hintergrund, health literacy, emotionaler Zustand, familiäre Situation, oder Dichte der Information haben. Zur Beantwortung einiger dieser Fragen sollen sozial- und neurowissenschaftliche Ansätze und Befunde berücksichtigt werden.

Zum Rahmenthema «Reproduzierbarkeit, Vorhersage und Relevanz» trägt das Projekt mehrfach bei: Rechtliche Konzepte und Normen beruhen mitunter auf der Annahme, dass sie zuverlässig bestimmte Situationen erfassen, beziehungsweise das gewünschte Ergebnis reproduzieren können. Die damit verbundene Standardisierung in Form von Weisungen usw. vermag allerdings nur ungenügend der einzelnen Entscheidungssituation im medizinischen Alltag gerecht zu werden. Das Spannungsfeld zwischen allgemeiner Rechtssicherheit und individuellen Bedürfnissen verlangt nach ständiger Überprüfung der den Normen zugrunde liegenden Annahmen unter Einbezug empirischer Methoden.

Publikationen

In: recht – Zeitschrift für juristische Weiterbildung und Praxis, 31. Jg., 1/13, Bern 2013.
Reproduktive Selbstbestimmung und Informed Consent im Zeitalter von pränatalen Gentests
Sandra Hotz

In: Jusletter vom 28. Januar 2013
"Siamesische Zwillinge": wir – einer von uns – ich? Anmerkungen zum Konzept der Person und dessen physischer Verfasstheit
Büchler, Andrea und Christensen, Birgit

In: Kommentar Erwachsenenschutz, Bern 2013
Kommentar zu Art. 370 – 373 ZGB (Patientenverfügung)
Büchler, Andrea, Häfeli, Christoph, Leuba, Audrey und Stettler, Martin (Hg.)

In: The Straus Institute for the Advanced Study of Law & Justice, NYU, working papers 2011/2012, No 1/12, www.nyustraus.org/pubs/1112/Buchler.html.
Regulating the Sacred – Organ donation and transplantation: autonomy and integrity of the person or social responsibility of the body?
Büchler, Andrea

LABORATORIUM FÜR TRANSDISZIPLINARITÄT