Grenzverhandlungen in der Wissenschaft – Zwischen Innovation und Reproduktion

Wenn von irgendeinem gesellschaftlichen Bereich erwartet wird, dass er Reproduzierbarkeit, Vorhersage und Relevanz gewährleisten soll, dann von der Wissenschaft. Gilt doch die Produktion von robustem und relevantem Wissen als eigentlicher Zweck von Wissenschaft. Die verstehenden Wissenschaften machen hier keine Ausnahme: Auch sie wollen intersubjektiv nachvollziehbare Argumente (Reproduzierbarkeit) zu wichtigen Themen (Relevanz) liefern, die auch diagnostisch nutzbar sind (Vorhersagbarkeit). Doch Wissenschaft will auch anderes: Innovation! Jedoch: Jede Neuerung ist ein Schritt in unbekanntes Terrain. Hier ist Reproduzierbarkeit ist noch nicht gesichert und muss erst hergestellt werden.

Das Projekt «Reproduzierbarkeit – Grenzverhandlungen in der Wissenschaft – zwischen Innovation und Reproduktion» beschäftigt sich mit diesem Spannungsverhältnis von Reproduzierbarkeit und Innovation. Dies geschieht anhand von verschiedenen Fällen, in denen die Frage, ob es sich um reproduzierbare Inno¬vation handelt, (noch) zur Debatte steht. Am Beispiel des Nationalen Forschungsprogramms (NFP) 34, das sich der Komplementärmedizin widmete, lässt sich studieren, wie diese beiden Normen zum Einsatz kommen. Denn im gesamten Förderprozess stand für alle Beteiligten eben dies zur Debatte: Handelt es sich hier um innovative Wissenschaft, die lediglich das Stadium der Reproduzierbarkeit noch nicht erreicht hat, oder um Nicht- oder Pseudowissenschaft? Mit welchen Argumenten kommen Urteile darüber zustande?

Ziel des Projekts ist, anhand dieser und weiterer Beispiele die Grenzziehung zwischen Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft als sozio-epistemische Grenzarbeit sichtbar zu machen. Sie vollzieht sich entlang des regulativen Duals Reproduktion/Innovation. Bei allem Unterschied im Detail wird sich an allen Fällen erweisen, dass diese Grenzarbeit nicht nur wissenschaftliches (z. B. was gehört zum Kernbereich der wissenschaftlichen Medizin), sondern auch gesellschaftliches Konfliktpotential birgt (z. B. welche Medizin wollen wir?).

Zum Rahmenthema «Reproduzierbarkeit, Vorhersage, Relevanz» trägt dieses Vorhaben eine spezifische Einsicht bei: Obwohl Reproduzierbarkeit in der Wissenschaft ein unabdingbares regulatives Ideal ist, genügt es nicht, sie lediglich als universale Norm zu postulieren. Vielmehr muss sie aufgrund der Spannungen, die durch die epistemische ebenso wie gesellschaftliche Norm der Innovation entstehen, stets wieder aufs Neue hergestellt und behauptet werden.

Publikationen

In: John Wiley & sons
Reproducibility: principle, problems, practices (in prep.)
Atmanspacher, Harald and Maasen, Sabine (Ed.)

In: Conference paper: "International Graduate Summer School San Sebastian –Scientific Knowledge and the Transgression of Boundaries", 2012, KIT/ITAS, Karlsruhe.
Reproducibility and innovation as a "regulative dual" at contested boundaries of science – the case of complementary medicine in Switzerland.
Lindner, Carolin

In: Research Evaluation, 2010, 19(5).
Peer review practices: A content analysis of external reviews in science funding,
Reinhart, Martin

In: Scientometrics, 2009, 81(3):789–809.
Peer review of grant applications in biology and medicine. Reliability, fairness, and validity.
Reinhart, Martin

Team

Alex Eberle
Wulf Rössler
Sabine Maasen
Martin Reinhart
Carolin Lindner

LABORATORIUM FÜR TRANSDISZIPLINARITÄT