Die Rolle der Informationen im Schweizer Gesundheitsystem – eine multiperspektivische Analyse am Beispiel psychischer Störungen

Das Schweizer Gesundheitssystem steht stark unter Druck. Der stetige Kostenanstieg, die Zunahme der chronischen Krankheiten sowie die Überalterung der Gesellschaft stellen das Schweizer Gesundheitssystem heute und zukünftig vor grosse Herausforderungen. Angesichts dieser Herausforderungen wird dem Patienten eine immer wichtigere Rolle beigemessen. Denn der Patient soll verstärkt Eigenverantwortung für seine Gesundheit und Mitverantwortung im Krankheitsfall übernehmen. Er soll vermehrt eigenverantwortlich gesundheitsrelevante Entscheidungen treffen und das Gesundheitssystem effizient nutzen können und damit mithelfen, Kosten zu sparen. Um diesen Forderungen nachzukommen, ist der Zugang zu ausgewogenen, korrekten und verlässlichen Informationen für den Patienten unerlässlich. Ganz entscheidend ist dabei die Selektion der Informationen aufgrund der individuellen Wichtigkeit und Nützlichkeit und deren Verarbeitung durch den Patienten. Die geglaubte persönliche Relevanz hat hier einen bedeutenden Einfluss. Welche Informationen benötigen Patienten um im Gesundheitssystem eine aktive Rolle übernehmen zu können? Und wie sollen diese Informationen dem Patienten zur Verfügung gestellt werden?

Da den Patienteninformationen also eine immer grössere Bedeutung im Gesundheitssystem zukommt, gewinnt die Erforschung der gesundheitsbezogenen Informationsbedürfnisse und Informationssuchverhalten von Patienten zunehmend an Interesse. Eine in diesem Forschungsbereich bislang kaum untersuchte Patientenpopulation umfasst Patienten mit psychischen Störungen. Dies obwohl psychische Erkrankungen aufgrund ihrer hohen Prävalenz und Chronizität heute und wohl auch künftig immer häufiger auftreten. Das Projekt «Die Rolle der Informationen im Schweizer Gesundheitssystem» beschäftigt sich auf Basis dieser Erkenntnisse aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Informationsbedürfnis und Informationssuchverhalten von Patienten mit depressivem Syn-drom sowie mit der Informationsvermittlung hin zu dieser Patientenpopulation. Das Projekt beschäftigt sich auch mit dem Phänomen, dass das Informationsbedürfnis und ‐suchverhalten als individuell eingestuft wird. Darum gehört die genauere Ergründung dieser Individualität auch zum Gegenstand dieser Forschung.

Nebst der Analyse der Einzelperspektiven besteht das Hauptziel des Projektes im Zusammenfügen der verschiedenen Sichtweisen zu einem Gesamtbild. Die gesamtheitliche Betrachtung soll erlauben, Diskrepanzen und Übereinstimmungen zwischen den klassischen Informationsnutzern – den Patienten – und den klassischen Informationsproduzenten und –vermittlern aufzuzeigen. Davon abgeleitet sollen Strategien entwickelt werden, wie die Informationsversorgung verstärkt auf die Bedürfnisse der Patienten mit depressivem Syndrom ausgerichtet werden kann. Des Weiteren soll aufgezeigt werden, inwieweit sich das naturwissenschaftliche Prinzip der Reproduzierbarkeit auf die hier zu erforschende Thematik anwenden lässt.

Im Rahmen des Oberthemas «Reproduzierbarkeit, Vorhersage, Relevanz» sollen auch vermehrt Erkenntnisse darüber gewonnen werden, wie weit das gesundheitsbezogene Informationsbedürfnis und Informationssuchverhalten von Patienten mit depressivem Syndrom rein individueller Natur ist, oder ob es übergeordnete Verhaltensweisen gibt, die reproduziert werden können. Letztlich stellt sich auch die Frage, wie weit es die in der Medizin vorherrschende objektivierende naturwissenschaftliche Betrachtungsweise erlaubt, die stark individuell geprägte Sicht der Patienten einzubeziehen.

Das Projekt wurde 2014 mit der Publikation der Dissertation von Andrea S. Dür «Informationsbedürfnis und Informationssuchverhalten von Patienten mit einem depressiven Syndrom: Sichtweisen der Patienten und der Akteure im Gesundheitssystem im Vergleich» abgeschlossen.


Team

Gerd Folkers
Wulf Rössler
Stefan Sigrist
Helene Haker
Andrea S. Dür

LABORATORIUM FÜR TRANSDISZIPLINARITÄT