Reproduzierbarkeit, Vorhersage, Relevanz

Wir Menschen, so scheint es, brauchen Muster, Regeln, Wiedererkennbarkeit. Ob es um eigenes oder fremdes Verhalten geht, komplexe Handlungen, Denken und das Lösen von Problemen, Erkennen von psychischen, kulturellen oder natürlichen Phänomenen: Einheitlichkeit und Regelhaftigkeit helfen uns, uns selbst und unsere Umwelt zu verstehen und zu erklären, dieses Wissen auf Unbekanntes zu übertragen oder Neues zu erkennen sowie Vermutungen über seine zukünftige Entwicklung und seine Relevanz anzustellen.

Reproduzierbarkeit ist aber nicht nur Bedingung für Kontinuität, sondern auch für Diskontinuität – und dies gilt nicht zuletzt für den Bereich der Wissenschaft, die gleichermassen auf robustes wie auf neues Wissen hinaus will. Forschung erweist sich als ein immer neu zu verhandelnder Grenzgang zwischen Reproduktion und Innovation (Forschungsprojekt «Grenzverhandlungen in der Wissenschaft»). Je spezifischer die Anforderungen an reproduzierbares Wissens werden, desto berechenbarer ist der unternommene Grenzgang. In manchen Fällen scheinen dabei gewonnene innovative und prognostische Aussagen sogar von einer Spezies auf die andere übertragbar zu sein – vom Tier auf den Menschen (Forschungsprojekt «Medikamentenentwicklung – Aussagekraft von Tierversuchen» und Forschungsprojekt «One Medicine – one Oncology»).

Es gibt aber auch Wissen, das sich der Reproduzierbarkeit zu entziehen scheint: Entscheidungen unter Unsicherheit – sowohl in kognitiver (Forschungsprojekt «Decision Processes in Unstable Mental States») wie moralischer Hinsicht – lassen sich möglicherweise nur bedingt standardisieren. Solche Entscheidungsprozesse lassen sich aber womöglich durch reproduzierbare Kriterien des Abwägens verbessern. Davon profitiert zum Beispiel die medizinische Diagnostik. In kontinuierlichen Grenzbereichen menschlicher Erfahrung (vom Deja-vu bis zur Psychose) könnte beispielsweise eine Diagnostik verlässlicher sein, die das Kontinuum reproduzierbar zu diagnostizieren weiss (Forschungsprojekt «Aussergewöhnliche Erfahrungen»). Noch einmal anders spielt die Reproduzierbarkeit, wo es nicht primär um Entscheidungen von Ärzten und Pflegern, sondern von Patienten geht. Wie etwa kann die Informationsversorgung bei Patienten mit depressivem Syndrom (Forschungsprojekt «Die Rolle der Informationen im Schweizer Gesundheitswesen») gestaltet werden? Oder wie kann die Chance erhöht werden, dass Patienten selbst unter komplexen medizinischen, sozialen und psychischen Bedingungen (Forschungsprojekt «Informed Consent – eine Synthese deskriptiver und normativer Aspekte») in der Lage bleiben, einem medizinischen Eingriff zuzustimmen?

Reproduzierbarkeit ist seit jeher auch ein Gestus menschlichen Kunstschaffens. Auf künstlerisch-technischem Gebiet etwa scheint die digitale Fotografie den Grenzgang zwischen Reproduktion und Innovation umzukehren: Sie forciert die Frage nach Status und Erscheinungsweise der Autorenschaft, indem sie das Unikat und die Materialität eines fotografischen Bildes der «blossen» Reproduktion opfert (Forschungsprojekt «Reproduzierbarkeit in der Fotografie»). Und die analoge Fotografie rückt damit wieder näher an den künstlerischen Diskurs.

Die laufenden Forschungsprojekte führen ihre Erkundungsreisen interdisziplinär zwar in ganz verschiedene Handlungsbereiche und Gegenstandsfelder – Gesundheitswesen, Recht, Kulturtechnik, Wissenschaft allgemein. In all ihren unterschiedlichen Erkundungen aber spielt die Reproduzierbarkeit eine spezifische Rolle, mal rein methodisch oder technisch, mal epistemisch oder mehr kulturell. Allen Projekten ist das Anliegen gemeinsam, in diesen Erkundungen der Reproduzierbarkeit selbst reproduzierbares und in manchen Fällen gar prognostisches Wissen hervorzubringen. Gesucht und gewünscht wird aber auch die Überraschung, die durch den Austausch zwischen den Disziplinen und Projekten befördert wird. Überraschungen lassen sich per definitionem nicht reproduzieren, sonst wären sie keine. Sie lassen sich jedoch begünstigen – etwa im institutionellen Rahmen des Collegium Helveticum und im fortgesetzten kollegialen Gespräch.


Aktivitäten


Das Schwerpunktthema «Reproduzierbarkeit, Vorhersage, Relevanz» fand Vertiefung in diversen Workshops, Tagungen und öffentlichen Referaten:


22. und 23. November 2013
Tagung «Figuren prinzipieller Unabschliessbarkeit: Architektur – Dynamik – Problematik»
Div. Referierende (siehe Tagungsprogramm)
Ort: Semper-Sternwarte, Schmelzbergstrasse 25, 8006 Zürich
Tagungsprogramm

13. März 2013
Workshop «Wunschkinder – Leihmütter. Rechtliche, ethische und gesellschaftliche Herausforderungen und Problembestände»
Ort: Collegium Helveticum, Schmelzbergstr. 25, 8006 Zürich
Programm

12. März 2013
«Wunschkinder – Wunscheltern? Medizinische Machbarkeit, Gesellschaftliche Wünschbarkeit und rechtliche Rahmenbedingungen in der Fortpflanzunsmedizin»
Referate von Prof. Dr. med. Bruno Imthurn (Universitätsspital Zürich, Klinik für Reproduktions-Endokrinologie), Dr. iur. Roberto Andorno (Universität Zürich, Rechtswissenschaftliches Institut), Prof. Dr. phil. Elisabeth Beck-Gernsheim (Visiting Professor, NTNU/Universität Trondheim, Norwegen)
Ort: Collegium Helveticum, Schmelzbergstr. 25, 8006 Zürich
Abstract
Podcast

2./3. November 2012
Tagung «Spielzüge. Zur Dialektik des Spiels und seinem metaphorischen Mehrwert»  
Ort: Collegium Helveticum, Schmelzbergstrasse 25, 8006 Zürich
Programm

5. Juni 2012
Workshop «Emergenz – Tragfähriges Konzept oder vages Gerede?»  
Ort: Collegium Helveticum, Schmelzbergstrasse 25, 8006 Zürich
Programm

4. Juni 2012
«Complexity and Contextual Emergence»
Referat von Prof. Dr. Robert Bishop (Wheaton College, Physics Department)
Ort: Collegium Helveticum, Schmelzbergstrasse 25, 8006 Zürich
Abstract
Podcast

19. April 2012
Workshop «Prognostik und Prophetie»  
Ort: Collegium Helveticum, Schmelzbergstrasse 25, 8006 Zürich
Programm

18. April 2012
«Konstruierte und rekonstruierte Zukunft»
Referat von Prof. Dr. Konrad Schmid (Professor für alttestamentliche Wissenschaft und frühjüdische Religionsgeschichte, Universität Zürich)
Ort: Collegium Helveticum, Schmelzbergstrasse 25, 8006 Zürich
Abstract

22. März 2012
«Reproducibility» – Workshop mit Deirdre McCloskey (Professor of Economics, History, English and Communication at the University of Illinois at Chicago)
Ort: Collegium Helveticum, Schmelzbergstrasse 25, 8006 Zürich
Programm

21. März 2012
«The Birth and Slow Death of Statistical Significance: a Reminder for Statistical Scientists»
Referat von Prof. Dr. Deirdre McCloskey (Professor of Economics, History, English and Communication at the University of Illinois at Chicago)
Ort: ETH Zürich, Semper-Aula, Rämistrasse 101, 8006 Zürich
Abstract
Podcast

23. November 2011
Workshop «Vorhersage und Vorhersagbarkeit: neue Blicke auf alte Fragen»
Ort: Collegium Helveticum, Schmelzbergstrasse 25, 8006 Zürich
Programm

22. November 2011
«Komplexe Netzwerke in Natur- und Sozialwissenschaften»
Referat von Prof. Dr. Jürgen Kurths (Potsdamm-Institut für Klimafolgenforschung und Humboldt-Universität Berlin)
Ort: Collegium Helveticum, Schmelzbergstrasse 25, 8006 Zürich
Abstract
Podcast

16./17. Juni 2011
Tagung «Stille Tropen. Zur Rhetorik und Grammatik des Schweigens»  
Ort: Collegium Helveticum, Schmelzbergstrasse 25, 8006 Zürich
Programm

10. Juni 2011
Workshop «Sprachenvielfalt in den Wissenschaften»  
Ort: Collegium Helveticum, Schmelzbergstrasse 25, 8006 Zürich

9. Juni 2011
«Mehrsprachigkeit im Gesetzgebungsprozess der EU»
Referat von Prof. Dr. Peter Schiffauer (Referatsleiter im Sekretariat  des Ausschusses für Konstitutionelle Angelegenheiten des Europäischen Parlaments)
Ort: ETH Zürich, Semper-Aula, Rämistrasse 101, 8006 Zürich
Abstractfileadmin/autoren/ch_events/110609_sprachen_eu.pdf

LABORATORIUM FÜR TRANSDISZIPLINARITÄT