Pathologien der Zeitlichkeit: Abnormale Zeiterfahrungen bei mental-psychischen Störungen

Das Ziel meines Forschungsprojekts ist die Analyse zeitlicher Störungen bei mentalen Erkrankungen und in der Folge die Erstellung einer phänomenologischen «Landkarte» pathologischer Zeiterfahrung. Zwar haben wir bereits eine Karte der Uhrzeit, aber die Uhrzeit ist unzulänglich, weil sie als eine Abstraktion erlebter Zeit sinnlos ist. Was wir dringend benötigen ist einen phänomenologischen Plan der Zeitlichkeit, der pathologische Formen der Zeiterfahrung berücksichtigt. Der grosse Vorteil eines solchen Plans wäre, dass er die Grenzen bestehender Klassifikationen von mentalen Erkrankungen überschreitet und unzeitgemässe biologische Erklärungsversuche umgeht.

Das Projekt wird die Tradition der philosophisch-psychiatrischen Reflexionen über Zeit bei mentalen Erkrankungen fortsetzen, welche vor einem Jahrhundert begann und sich mit zeitlichen Störungen bei Leiden wie beispielsweise Depression, Zwangserkrankungen, manische Psychose, Schizophrenie, Suchterkrankungen und Demenz auseinandersetzte. Leider fehlt auch den differenziertesten Studien zur Phänomenologie der Zeit ein klinischer Bezug. Auf der anderen Seite schenken bestehende Klassifikationen von mentalen Erkrankungen, DSM-5 und ICD-10 (sowie deren Vorgängerversionen), dem Problem der Zeitlichkeit nur wenig Aufmerksamkeit. Diese bedauerliche Kluft zwischen dem Überfluss von theoretischen Reflexionen und dem Mangel an klinischem Bezug muss überbrückt werden. Mein Projekt soll einen Beitrag dazu leisten, Erkenntnisse aus phänomenologischen Studien zur Zeitlichkeit, geschichtsphilosophischen Kategorien und kulturwissenschaftlichen Studien zur Zeit zusammenzuführen und sie auf klinisches, empirisches Wissen aus Vergangenheit und Gegenwart anzuwenden.

Das greifbarste Resultat des Projekts wird ein Buch sein, welches sowohl für Geisteswissenschaftler als auch für Personen, die beruflich mit psychischen Krankheiten zu tun haben, lesbar sein wird. Es wird im Besonderen Antwort auf zwei philosophisch-medizinische Fragen geben: (i) Gibt es eine ursprüngliche (wertfreie) Auffassung von Zeitlichkeit, vor deren Hintergrund bestimmte Pathologien bewertet werden können? Und falls solch eine Auffassung nicht existiert, was wäre ein gesundes – diesmal im normativen Sinn – zeitliches Verhältnis zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in der täglichen Erfahrungswelt eines Einzelnen? (ii) Können Pathologien der Zeitlichkeit als Krankheiten an sich interpretiert werden und nicht als Epiphänomene, welche auf primären psychischen Erkrankungen aufbauen? Wenn das der Fall zu sein scheint, wäre dann eine solche ganzheitliche Interpretation in der Lage, eine Basis zu schaffen, auf der sonst getrennte Kategorien von mentalen Erkrankungen miteinander verbunden werden?

Publikationen

In: Phenomenology and the Cognitive Sciences, 2016
Phenomenological psychopathology of time: the work of Erwin W. Straus
Marcin Moskalewicz

In: Int J Ment Health Addiction, 2016, DOI 10.1007/s11469-016-9680-4
Lived Time Disturbances of Drug Addiction Therapy Newcomers. A Qualitative, Field Phenomenology Case Study at Monar-Markot Center in Poland
Marcin Moskalewicz

In: Transcultural Psychiatry, 2016
De-Pathologizing the Self. Cultural Diversity, Mental Illness and Historical Change
Marcin Moskalewicz

In: Archive of the History of Philosophy and Social Thought 2016 Special Issue “Phenomenology and Social Sciences”
Three modes of distorted temporal experience in addiction: daily life, drug ecstasy and recovery – a phenomenological perspective
Marcin Moskalewicz

Aktivitäten

November 17, 2015
Disturbed futures – Psychopathology of time between philosophy and psychiatry
Interdisciplinary workshop
Venue: Collegium Helveticum, Schmelzbergstrasse 25, 8006 Zurich

LABORATORIUM FÜR TRANSDISZIPLINARITÄT